September 2015: Wer hätte je gedacht, dass Magneto die Macht an sich reißen kann? Es gab politisch viele Veränderungen und neue Gruppierungen haben sich gebildet. Wo findet ihr euch wieder? Seid ihr im Untergrund und versucht Magneto zu stürzen? Oder unterstützt ihr seine Pläne in vollen Zügen?
Wanda konnte auf Pietros Gesicht lesen wie auf einem offenen Buch. Vielleicht lag es daran, dass sie Geschwister waren. Vielleicht lag es daran, dass sie – bis vor kurzem – zwei Hälfte eines ganzen gewesen waren: Immer zusammen, unzertrennlich, gleich denkend. Aber war dies wirklich so gewesen? Hatten Sie wirklich immer “gleich” gedacht? Oder hatte sie sich ihm einfach angepasst und war mit dem Strom geschwommen? Sie war sich nicht sicher, fand keine Antwort auf die Frage, die sie sich innerlich stellte.
“Oh Pietro…”
Wanda brach das Herz, wenn sie ihren Bruder nun anblickte und sah, wie zerrissen und voller Wut er innerlich war. Sie wünschte, sie könnte ihm helfen, ihn von Hydra fortziehen und wieder mehr Zeit mit ihm verbringen. Doch sie musste keine Hellseherin sein, um in seinem Gesicht lesen zu können, dass dies – zumindest zum momentanen Zeitpunkt – unmöglich war. Sie kannte ihren Bruder, wenn er sich etwas annahm, dann mit 150% seiner Kraft …. mit Leib und Seele. Früher hatten sie sich um einander gekümmert. Da war zwar Wut gewesen, aber der Drang zu überleben, hatte höheren Stellenwert gehabt. Sie wusste nicht genau, wann die Waage sich geneigt hatte und sein Fokus vollständig auf Rache gewechselt hatte. Zumindest nicht den genauen Zeitpunkt… vielleicht verdrängte sie es aber auch nur.
“Pietro….die Realität ist nicht schwarz-weiß. Es gibt nicht einfach nur Gut und Böse. Handlungen haben Konsequenzen und manchmal…sind diese tragisch.”
Sie blickte ihren Bruder alarmiert an, als ihr wiederum die alternative Bedeutung ihrer Worte auf sich selbst bezogen bewusst wurde.
“Okay okay, das war eine ungünstige Wortwahl. Ich werfe mir selbst immer noch meine…. nennen wir sie “Momente des Kontrollverlustes”…vor. Aber tief in meinem Inneren…okay okay sehr tief in meinem Inneren …weiß ich, dass ich nicht in dem Ausmaß schuld bin an meinen Kräften, weil sie uns auf die Art und Weise gegeben wurden, wie es passiert ist. Aber…genau das ist eben der Punkt…nichts ist schwarz und weiß, es gibt immer Graustufen.”
Frustriert sah sie zum Himmel hinauf.
“Ich rede totalen Schwachsinn, oder?”
Nachdenklich sah Thor zu der Mutantin hinunter und runzelte die Stirn.
“Wo seid ihr eigentlich untergekommen ohne das Diner? Habt ihr überhaupt noch einen Ort, wo ihr euch treffen könnt, oder seid ihr alle einfach im Untergrund in alle Richtungen geflohen? Versteh mich nicht falsch, ich würde es niemandem vorwerfen, ich bin einfach nur neugierig.”
Thor blickte kurz um sich, teils um seine Gedanken zu sortieren und teils um die Umgebung zu betrachten. Wo würden sich Mutanten treffen, sofern das überhaupt noch regelmäßig der Fall war, wenn der eine Ort, an dem sie Zuflucht und Gemeinschaft gefunden hatten, ihnen weggenommen worden war – und das auch noch auf brutalste Weise?
“Würdet ihr ein wieder aufgebautes Diner überhaupt nutzen, wenn wir das irgendwie hinbekommen? Oder meinst du, die anderen Mutanten – und du – würdet euch nicht mehr wohlfühlen?”
Traurig sah Thor zu ihr hinunter.
“Ich würde es vollkommen verstehen, wenn ihr nicht mehr an einen Ort gehen wollen würdet, an dem ihr ständig Angst haben würdet, dass ihr wieder angegriffen werden würdest.”
Er dachte an all die freundlichen und glücklichen Mutanten, wie sehr es sie alle geschockt und verletzte haben musste – nicht nur körperlich, sondern vor allem seelisch – all das zu verlieren. Es brach ihm wirklich das Herz, sich dies alles vorzustellen.
Thor war kurz versucht, in seine alten Verhaltensweisen zurückzukehren. Rache zu üben, wie es eben auf Asgard üblich und rechtens war. Es war verlockend, war es doch ein Weg, den er kannte und bei dem er wusste, was zu tun war. Doch er stoppte sich innerlich mit all seiner Willensstärke und zwang sich dazu, metal einen Schritt zurückzugehen und die Situation – die ganze Situation – einmal von einer anderen Seite aus zu sehen. Würde er nun losziehen und sich rächen, würden die Menschen wieder nur davon sprechen, dass er ein typisches Beispiel eines Mutanten oder Superhelden wäre, der wie ein Wilder tötet und Rache übt. Er würde hier auf Midgard dadurch kein rechtschaffener Held werden, sondern vielmehr als psychotischer Bösewicht abgestempelt werden. Und das würde weder seinem Vorhaben, das Diner wieder aufzubauen und seine Mutanten-Freunde zu retten, nützlich sein noch seinem anderen Vorhaben, unerkannt auf Midgard zu leben und vielleicht wieder eine Beziehung zu seinem geliebten Bruder aufzubauen.
Thor seufzte tief und schloss kurz die Augen. Als er sie wieder öffnete, blickte er direkt in die Natashas.
“Na rächen will ich mich nicht, falls du das befürchten solltest. Ich will nur herausfinden…. Nein ich will eigentlich nur versuchen, diese verzwickte Situation zwischen Menschen und Mutanten etwas aufzubessern. Niemand sollte Angst davor haben, er oder sie selbst zu sein. In keiner Welt…”
Sein Mund verzog sich leicht, als er an sein eigenes Schicksal dachte und all die Lügen mit denen er hatte Leben müssen, die er immer noch aufschlüsselte.
Traurig blickte Thor Marrow nach. Ihm war bewusst, dass er hier nicht mehr tun konnte. Wenn sie ihm nicht verzeihen konnte oder wollte, dann war das ihre Entscheidung. Das musste er respektieren. So schwer es ihm auch fiel.
Kaum war der Deckel geschlossen, seufzte er tief und drehte sich zu T’Challa um, als dieser ihn ansprach.
“Ich verstehe. In diesen Blechbüchsen zu fliegen, bedarf Planung und…wenn ich mich richtig erinnere…Eintrittskarten, richtig? Nun ich habe mein Wort gegeben, euch zu helfen. Auch wenn Ihr nach dem gerade Erlebten vielleicht etwas anders von mir erwarten mögt, ich halte immer mein Wort. Zumindest soweit es mir möglich ist.”
Traurig blickte er noch einmal zu dem metallenen Deckel, in dem Marrow verschwunden war. Mit Marrow war alles schief gelaufen und er würde es sich ewig vorwerfen. Hätte er geahnt, wie viel er auf Midgard verpassen würde, hätte er die Reise nach Vanaheim niemals so unvorbereitet durchgeführt, wie er es getan hatte.
“Eine Reise muss immer gut und gründlich vorbereitet werden, also lasst euch bitte so viel Zeit wie nötig. Ich halte mein Wort und werde warten, bis ihr mir Bescheid gebt.”
Etwas verunsichert kratzte er sich am Hinterkopf.
“Ich..also…ich habe jetzt ein Smartphone. Ich glaube, so nennt man das, richtig? Telefon…Handy…Smartphone…irgendwie so etwas? Jedenfalls können wir uns damit verbinden und Ihr könnt mich jederzeit erreichen, sobald ihr alles soweit geplant habt, dass ihr damit zufrieden seid. Ich werde bereit sein.”
Thor zuckte bei Lokis Worten leicht zusammen. Wer würde sich ihm entgegenstellen? Er war kurz davor zu antworten… gefühlt alle, dir inklusive, kleiner Bruder? , denn hatte Loki sich nicht gegen die Avengers gestellt, von denen er selbst ein Teil war? Gewesen war? Immer noch war? Aber war er ja nicht, denn die Avengers schien es ja nicht mehr zu geben…
“Haha…ha….ja wer würde sich mir schon entgegenstellen.”
Sein Lächeln fühlte sich für ihn selbst schon aufgesetzt und unecht an, was mochte Loki da wohl davon halten…das wollte er gar nicht erst überlegen. Er wollte den Gedanken nicht weiterdenken.
Plötzlich hörte er viele laute Stimmen, die sich näherten. Laut, teils schrill, wild durcheinander redend. Eine Schulklasse wahrscheinlich! Oh nein, dann konnten sie weder weiter in Ruhe miteinander reden noch unentdeckt bleiben. Verzweifelt blickte Thor zu Loki hinüber, der scheinbar so in seinen Gedanken versunken war, dass er die Kinderstimmen noch nicht wahrgenommen hatte. Entschlossen wollte er Loki vor möglichem Unheil warnen und beschützen und so tat er das einzige, was ihm spontan einfiel. Er hatte dabei zwar wahnsinnige Angst, dass Loki vor ihm weglaufen würde, aber es war eine Kurzschlussreaktion, die er nicht unterdrücken konnte.
Er ging den letzten Schritt auf Loki zu und riss ihn brüderlich in seine Arme, sein Gesicht vor der sich stetig nähernden Gruppe wegdrehend. Er hoffte, so würde er nicht direkt erkannt werden, man wusste ja nie.
Thor zog indigniert seine rechte Augenbraue hoch und starrte mit unbeweglichem Gesicht auf seinen Bruder hinunter. Konnte dies jedoch nicht allzu lange aufrecht erhalten und ein breites Grinsen breitet sich auf seinem Gesicht aus.
“Keine Sorge, deine Blumenkübel bleiben in Sicherheit. Dieses Mal. Wer weiß, was nächstes Mal ist.”
Er hoffte, das Zwinkern würde Loki schon verständlich machen, dass er nur scherzte. Er konnte ihn immer noch nicht ganz einschätzen. Manchmal hatte er das Gefühl, Loki wäre andauernd auf ihn beleidigt oder böse. Und er hatte so große Sorge, ja geradezu Angst, wieder von seinem geliebten Bruder verlassen zu werden.
“Äh ja, mir fiel der Titel vorhin so ins Auge. Es ist sehr typisch für dich, die Kunst des Ringe Machens direkt auf die Meisterklasse hin zu erlernen! Ich mag den Namen des Buches, da hat sich jemand wahrlich Gedanken darüber gemacht.”
Er lächelte wohlwollend und so freundlich er nur konnte. Er hatte das Gefühl, irgendetwas Falsches gesagt zu haben, wusste aber nicht was. Er hatte gerade erst angefangen, sich wieder etwas selbstbewusster seinem Bruder gegenüber zu fühlen, dass ihn diese innere Unsicherheit, die ihn mit einem Mal überfiel, etwas schockierte. Unbewusst zog der die Schultern etwas an und wartete nur darauf, mal wieder von seinem Bruder über seine ah so große Dummheit ausgelacht zu werden. Dummheit und Wagemut, den Loki nie geschätzt hatte. Wegen dem Loki ihn stets kritisiert hatte, ihn ausgelacht hatte. Zurecht, wie er nun wusste. Waren es ja genau diese zwei Eigenschaften, die ihn nicht haben rechtzeitig nach Midgard zurückkehren lassen, wegen derer das Diner zerstört worden war. Wegen derer er seine Freunde im Stich gelassen hatte.
Voll Schmerz sah, wie sehr Marrow noch immer darunter litt, dass er so lange fort gewesen war. Tief seufzend blickte Thor T’Challa an und nickte. Er hatte verstanden.
“Ich respektiere deinen Wunsch, Marrow. Ich hoffe, du wirst mir irgendwann einmal vergeben können dafür, dass ich durch Umstände, die ich dir bereits mehrfach versucht habe, zu erklären, nicht früher wieder in Midgard sein konnte. Und, dass du mir irgendwann mal genug verzeihst, dass wir wieder Freunde sein können.”
Traurig lächelte er die junge Midgardin an, sah das Blut und die Verletzungen, die sie sich selbst vor innerer Wut und Verzweiflung angetan hatte. Dann zwang er sich, den Blick abzuwenden und T’Challa direkt anzusehen.
“Gut, dann sind wir wohl nur zu zweit in dieser Blechdose.”
Er war zwar nicht allzu begeistert über die Reise im Flugzeug, wusste aber, dass es die beste Transportmöglich war. Zumindest wenn man Mjölnir nicht nutzen konnte. Er würde es schon überstehen. Er würde ja nicht zugeben, dass ihm in dem Blechding immer etwas schlecht wurde. Das würde nur den falschen Eindruck erwecken. Nein nein, er würde es schon gut überstehen. Entschlossen straffte er seine Schultern und nickte.
“Gut, ich habe versprochen, euch zu helfen und genau das werde ich tun. Ich halte meine Versprechen…auch wenn es manchmal vielleicht etwas länger dauert.”
Er blickte absichtlich nicht in Richtung Marrow. Wenn sie ihn von nun an hasste, konnte er daran sowieso nichts ändern. Er hatte sein Bestes getan und nahm es ihr nicht übel. Er hatte nur keine Ideen mehr, wie er ihr klarmachen konnte, dass sie sich in ihm täuschte und wollte nicht, dass sie sich wegen ihm noch einmal verletzte. Daher trat er von ihr zurück und richtete seine Worte nur noch an T’Challa.
“Wir sollten wohl los, oder? … Bis bald Marrow.”
Thor sah die Russin leicht grinsend an.
“Ich befürchte bezüglich so etwas kannst und darfst du Asgard definitiv nicht mit Midgard vergleichen. Die Mentalität ist dort eine vollkommen andere, daher ist die Herangehensweise auch anders, als es hier jemals möglich sein würde.”
Er raufte sich bei dem Gedanken daran, was in Asgard in so einer Situation passieren würde und welche Konsequenzen sie haben würde, die Haare.
“Wenn in Asgard eine Partei, um es mal so offen zu formulieren, gegen eine andere kämpfen würde oder jemand ein Gebäude äquivalent zum Diner zerstören würde…. Man würde erst einmal ergründen, warum genau das gemacht wurde und welche Beweggründe der Schuldige hatte. Es würde genau analysiert, denn der Allvater hat seine Augen und Ohren überall. Wäre es berechtigt, würde man es auf sich belassen. Wäre es unberechtigt, würde man den Schuldigen gleichwertig bestrafen. Ich glaube hier auf Midgard sagt man dazu “Auge für Auge, Zahn um Zahn” oder sowas? Aber am Ende des Tages hat der Allvater das Sagen. Was der Allvater sagt und tut, ist Gesetz. Er muss daher rechtschaffen und ehrlich an alles herangehen. Aber er ist derjenige, der am Ende entscheidet, wer und wie der Betreffende bestraft wird.”
Bitter dachte Thor an seine eigene Vergangenheit und die Lügen, die eben jener Allvater vor ihm verborgen hatte. Weil er die Freiheit hatte, diese Entscheidung ohne Konsequenzen für sich selbst zu fällen. Nun ja, zumindest ohne Konsequenzen, von denen er etwas wusste. Denn Thor hatte das Vertrauen in den Allvater längst verloren.
Nachdenklich blickte Thor auf seine Hände, als ihm jedoch etwas bewusst wurde. Da es hier auf Midgard keinen Allvater für diese Entscheidungen gab…hatte er keine Ahnung, wie so etwas hier geregelt wurde. Er war nun schon so lange auf Midgard gewesen – wenn auch nicht durchgehend – und hatte dennoch immer noch keine Ahnung, wie die Gesellschaft hier funktionierte.
“Wie ist das hier auf Midgard? Wer entscheidet so etwas? Wie wird so etwas hier gehandhabt?”
Nachdenklich blickte Thor auf die junge Mutantin hinunter. Er sah die Hoffnungslosigkeit in ihrem Gesicht. Kurz kamen da die Schuldgefühle in ihm wieder hoch. Wäre er hier gewesen… doch dann riss er sich zusammen und straffte die Schultern.
“Du hast recht, ich bin stark. Aber manchmal braucht es etwas mehr als bloße Stärke, um etwas zu schaffen. Das habe ich von meine Bruder gelernt.”
Nachdenklich starrte er auf das zerstörte Gebäude und zerbrach sich geradezu den Kopf daran, zu überlegen, wer ihnen hier am besten helfen könnte. Kam jedoch auch nach längerem Überlegen zu keinem zufriedenstellendem Ergebnis.
“Mir fällt leider auch nicht ein, wer uns hier am besten helfen könnte.”
Frustriert fuhr sich Thor mit der Hand durch die Haare. Vielleicht sollte ich erstmal diejenigen fragen, die gute Verbindungen haben und…Geld. Dachte er kurz bei sich.
“Sagt man hier auf Midgard nicht auch “Geld regiert die Welt” und “Geld öffnet alle Türen”, oder so etwas?”
Er sah kurz zu Eve hinüber. Erwartete jedoch keine Antwort, sondern fuhr direkt fort.
“Wer weiß, vielleicht hilft Geld ja auch am besten dabei, kaputte Gebäude zu reparieren?”
Er wusste noch nicht genau, wie er es anstellen sollte, die richtigen Leute darauf anzusprechen, aber es klang für ihn nach einem guten Anfang, die Sache überhaupt anzugehen. Wobei der Wiederaufbau des Gebäudes weder sicherte, dass die Mutanten, die einst ein und aus gingen, wiederkamen noch, dass es nicht wieder zerstört wurde. Es nur wiederaufzubauen war also nicht unbedingt die finale Lösung der ganzen Geschichte.
Wanda konnte am Gesicht ihres Bruders deutlich dessen inneren Kampf erkennen. Sie waren Zwillinge, zweieiige zwar, aber dennoch Zwillinge. Sie hatten eine Verbindung und sie waren die letzten zwei, die von ihrer Familie noch übrig waren. Sie vermisste ihren Bruder schmerzlich und sehnte sich danach, mehr Zeit mit ihm zu verbringen und ihr Leben mehr mit ihm zu teilen, als sie es momentan tat. Doch stattdessen fühlte es sich an, als würde der Riss zwischen ihnen sich immer mehr auftun und sie voneinander trennen.
“Pietro…beantworte mir eine Frage: Wie viele Menschen haben wir auf dem Gewissen? Wie viele habe ich durch meine Kräfte getötet und traumatisiert? Wie viele wurden als Kollateralschaden abgetan? Für was? Für Rache an einem Mann, der zwar die Mittel erschaffen hat, um unsere Eltern zu töten, aber nicht selbst am Hebel saß, als es passiert ist und davon vielleicht sogar nichts wusste?”
Erwartend sah sie ihren Bruder an, gleichzeitig erwartet sie gar nichts von ihm. Sie wusste, wie verbohrt er in seinen Hass und seine Rachegelüste gegen Tony Stark war. Sie verstand die Wut und Verzweiflung auch, sie war schließlich auch dort gewesen und hatte dieselben Eltern auf dieselbe Weise verloren. Doch seit sie aus der Brotherhood rausgekommen war und ihren Horizont etwas erweitert hatte, sah sie manche Dinge etwas anders. Öffnete sich auch anderen Ansichten gegenüber und hatte für sich selbst beschlossen, die von der Brotherhood aufgesetzten Heuklappen abzureißen und sich vom engstirnigen Gedankengang dieser zu befreien. Dass das ein holpriger und langwieriger Prozess werden würde, dessen war sie sich im klaren. Dass auch dabei Opfer zu machen waren, auch dessen war sie sich von Anfang an bewusst. Sie hoffte nur inständig, dass eines dieser Opfer nicht ihr geliebter Zwillingsbruder Pietro war. Sie würde alles ihr mögliche daran setzen, um dies zu verhindern.
Thor war bei Lokis – zurecht wütendem – Wortschwall schuldig zusammengezuckt. Er wusste ja, dass er nicht hatte schnüffeln wollen, doch wenn er dies nun seinem Bruder verkündete, würde sich das nicht eher wie eine dumme Ausrede anhören als wie die Wahrheit? Doch da gab es wohl leider ein weitaus dringenderes Problem.
“Ich wollte nicht schnüffeln, Loki. Ich….muss nur wirklich dringend auf die Toilette. Ich…war so nervös vor dem Besuch heute, ich hab zu viel Kaffee getrunken…”
Er wusste kaum, was er sagte, seine Blase trieb ihn schirr in den Wahnsinn. Sobald Loki seine Hand hob und schweigend auf eine Tür hinter sich zeigte, rannte Thor ohne darüber nachzudenken – ganz wie zu Kindheitstagen, dachte er noch kurz innerlich lachend – auf besagte Tür zu und riß sie auf. Er war gefühlt noch nie in seinem Leben so glücklich über eine Toilette gewesen wie just in diesem Moment.
Wenige Minuten darauf, kam Thor mit einem Lächeln schierer Erleichterung und Glückseligkeit auf dem Gesicht zurück ins Wohnzimmer.
“Meine Güte war das knapp. Danke dir!”
So langsam erinnerte er sich wieder an ihre Unterhaltung vor seinem Lauf zur Toilette und versuchte bestmöglich dort wieder anzusetzen, wo sie aufgehört hatten.
“Zu deinem letzten Kommentar vorhin: nein, ich hatte die Toilette gesucht, war dann in deiner Bibliothek gelandet und die Tür hinter mir zugefallen. Ich habe nicht herumgeschnüffelt.”
Dann setzte er noch etwas hinzu.
“Aber ich muss ja sagen, dass du dich plötzlich für Schmuck interessierst, finde ich super. Vielleicht sollte ich diese Bücher auch einmal lesen. Lehren sie einen, wie man Schmuck herstellt oder geht es darin um Sammlungen?”
Interessiert sah Thor seinen Bruder an.
Überrascht tastete Thor an seinem Kopf herum und ergriff schließlich, was auch immer plötzlich auf seinen Kopf gefallen war. Als er den Blumenkranz vor Augen hatte, musste er breit grinsen und konnte sich sogar ein kurzes Kichern nicht verkneifen. Im nächsten Moment setze er sich den Blumenkranz wieder auf dem Kopf und hob erhaben den Kopf vor Loki.
“Hast du mich soeben zum Herrscher der Elfen und Feen deklariert, kleiner Bruder?”
Als Thor Lokis Blick aufschnappte, warf er den Kranz schließlich lachend zu diesem hin.
“Ich weiß, dass allein das Helfen beim Aufbau schon als Hilfe gilt, aber die Mutanten haben Angst, dort wieder hinzugehen. Das ist so eher meine Befürchtung. Sie werden Angst haben, dass sich wiederholen könnte, was bereits einmal passiert war.”
Schmerzerfüllt massierte er sich den Nacken und Blickte verschämt zu Boden.
“Ich…war beim letzten Mal nicht da. Ich…fühle mich irgendwie für die ganze Sache…wie soll ich sagen….verantwortlich.”
Überrascht blickte Thor zu Marrow hinüber und brauchte einen kurzen Moment, um zu realisieren, dass das Mädchen fortging. Ohne groß darüber nachzudenken, ging er ihr ein paar Schritte hinterher.
“Wohin gehst du, Marrow? Ich nahm an, dass du mitkommst?”
Natürlich war die junge Mutantin für menschliche Verhältnis wahrscheinlich zu jung für den Kampf, gleichzeitig hatte sie für Thor eine Ausstrahlung wie die tollkühnsten Asen sie hatten. Dort war sie auch nicht zu jung, um als hervorragende Kriegerin zu gelten, deren Ruf ihr vorauseilte. Irgendwie ahnte Thor, dass Marrow eben solch eine Kriegerin gewesen wäre, wäre sie als Asin geboren unter Kriegern, die ihresgleichen zu schätzen wussten.
“Was sollen wir zwei denn ohne dich machen, Marrow? Lass uns bitte nicht im Stich, ich bin sicher, dass du uns mehr als tatkräftig unterstützen kannst!”
Hastig überlegte Thor, woran es liegen konnte, dass sie nicht von sich aus mitkommen wollte. Er war sich nicht sicher, ob er sie richtig verstand.
“Hast du vielleicht Angst, im Flugzeug mitzufliegen? Ich…bin auch nicht allzu begeistert davon, in so einer Metallkiste in die Luft zu steigen, aber sollte damit irgendetwas sein, sind ich und Mijölnir ja da, um dich”, leicht kleinlaut schaute er kurz zu T’Challa hinüber, “und die anderen darin zu beschützen und zu retten, wenn nötig.”
Aufmunternd sah er zu Marrow hinüber und wartete gespannt auf ihre Antwort.
Thors Blick glitt über den Raum. Hier ein Stapel Bücher, auf dem irgendetwas mit Ringen Stand. Ob Loki sich für Schmuck interessierte? Und da noch mehr Bücher, auf denen er gerade so das Wort “Mutanten” erhaschen konnte. Kaum war sein Bruder in der Küche verschwunden, um Tee zu machen, da Beschloss Thor vollkommen spontan, dass er jetzt ganz dringend die Toilette besuchen musste. Sehr dringend. Er war aber auch zu nervös gewesen vor seinem Besuch hier.
Sich selbst tadelnd, dass er sich nicht mehr im Griff hatte, wandte er sich an die nächste Tür.
…und stand mitten in einer riesigen Bibliothek. Vollkommen erstaunt blieb er wie angewurzelt stehen und hinter ihm fiel die Tür wieder zu. Hohe Bücherregale, die so weit da Auge reichten die Wände entlang krochen. Es war der erste Raum hier in Midgard, der ihn an sein Zuhause erinnerte. Es bewies ihm, dass Loki Asgard vielleicht doch ein wenig vermisste. Dass der Raum nur so vor Magie strotze, war Thor natürlich ebenso bewusst.
Er erinnerte sich an ihre Unterrichtsstunden, Lokis und seine, während derer sie beide den Lehrern entwischt waren. Loki mit seiner Magie und er, weil er ohne nachzudenken immer gehandelt hatte. Diesen kindlichen Wagemut vermisste der erwachsene Thor manchmal.
Hinter sich auf der anderen Seite der Tür hörte er Loki zurückkommen. Seine Worte konnte er kaum verstehen durch die geschlossene Tür, aber er hatte plötzlich Sorge, dass das Verlassen des Wohnzimmers keine so gute Idee gewesen war. Vielleicht dachte Loki jetzt, dass er nicht vertrauenswürdig sei, weil er glaubte, er….Thor…würde in seiner Wohnung herumschnüffeln? Oh bei Odin…er wollte durch so etwas dummes wie Neugier nicht den ersten Funken Vertrauen, den sein Bruder ihm gezeigt hatte, gleich wieder niedertrampeln sehen…
Thor wollte gerade ansetzen, um T’Challa zu antworten, als Marrow dazwischen ging. Ihren mutigen Worten konnte Thor nur vollster Überzeugung und vollsten Herzens zustimmen.
“Marrow hat absolut recht! Ein rechtmäßiger König muss, um als solcher anerkannt und angesehen zu werden, hoch erhobenen Hauptes klar machen, dass er ein solcher ist. Aus vollster Überzeugung. Als König symbolisiert man sein Königreich als eine Person: Du bist dein Königreich und das Königreich ist du.”
Thor merkte selbst, dass er sich soeben etwas verhaspelt hatte, in dem, was er hatte sagen wollen. Leicht über sich selbst lachend schüttelte er mit Lachfältchen um die Augen und breitem Grinsen den Kopf.
“Ah ihr wisst schon, wie ich das meinte. Es ist eine Symbiose. Das Land steht hinter dir…und du beschützt das Land. Da macht es keinen Unterschied, ob es sich dabei um Asgard, Midgard oder Wakanda handelt.”
Thor dachte kurz an all seine Lehrstunden mit dem Allvater zurück, an all die Reden und das Imprägnieren der inneren Werte eines Königs…eines Herrschers…all jene Dinge, die ihm sein Vater beigebracht hatte. Werte wie Ehrlichkeit…innerlich schnaubte Thor verachtend. Äußerlich blieb er gefasst. Was er mit seinem Vater erlebt hatte, betraf nur ihn und betraf vielleicht höchstens noch Asgard und dessen Bewohner. Es gehörte nicht hierher und würde ihn in seiner neuen Mission nicht ablenken. Er fragte sich jedoch plötzlich, wie sie denn wo-auch-immer hinfliegen würden. Wieder mit einem dieser metallenen Vögel? Eine Person könnte Mjölnir vermutlich neben ihm noch tragen, bei zwei Personen wäre es etwas heikel. Es wäre einen Versuch vielleicht wert, aber 100% sicher war er definitiv nicht, ob sein treuer Hammer so viel Gewicht würde transportieren können. Gleichzeitig, schoss es Thor durch den Kopf, wäre es ziemlich auffällig, wenn sie durch die Luft fliegend und von seinen Blitzen begleitend durch die Luft flogen. Und das wollten sie ja offensichtlich vermeiden.
“Wie genau wollt ihr denn fliegen?”